Meran

pharmacon Meran weiter auf Wachstumskurs

850 Teilnehmer – zahlreiche junge Pharmazeutinnen und Pharmazeuten und ein begeisterndes Programm.

Eschborn/Meran, 27.05.2016 – Mit 850 Teilnehmern, unter Ihnen zahlreiche junge Apothekerinnen und Apotheker, ging heute (Freitag) der 54. Internationale Fortbildungskurs für praktische und wissenschaftliche Pharmazie der Bundesapothekerkammer (pharmacon) in Meran zu Ende. Damit wurde das bereits sehr gute Vorjahresergebnis nochmals übertroffen. Eine Woche lang drehte sich im Meraner Kurhaus alles um Schmerz, Geriatrie und Pädiatrie sowie um die zukünftigen Aufgaben der Pharmazie. TOP-Referenten boten hierzu mit erstklassigen Vorträgen und Seminaren einen hervorragenden Überblick über den aktuellen Stand der pharmazeutischen Wissenschaft.

Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer, freut sich nicht nur über den stabilen Wachstumskurs des Kongresses. Für ihn ist auch besonders wichtig, dass erneut rund 150 Pharmaziestudierende oder Pharmazeuten im Praktikum aus Bonn, Düsseldorf, Frankfurt, Mainz, Münster sowie erstmals auch aus Tübingen nach Meran anreisten. Auch dies spreche für die wissenschaftliche Qualität der Fortbildung. „Die Pharmazie in Deutschland bereitet sich auf neue Zukunftsaufgaben vor. Dafür ist der  enge Austausch zwischen der Bundesapothekerkammer und den pharmazeutischen Universitätsinstituten besonders wichtig. So können wir sicherstellen, dass sich die Studierenden möglichst früh mit den Erfordernissen der praxisorientierten Offizinpharmazie vertraut machen. Die rege Beteiligung von Studierenden an den pharmacon Kongressen in Meran und Schladming zeigen, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind“, erklärte der BAK-Präsident.

Für Metin Ergül ist es neben der erstklassigen Fortbildung auch die Möglichkeit zum intensiven Austausch mit Kollegen, die für stetig wachsende Teilnehmerzahl des Meraner Kongresses mit verantwortlich ist. Um hierfür optimale Voraussetzungen zu schaffen, hat der Geschäftsführer der Werbe- und Vertriebsgesellschaft Deutscher Apotheker mbH, die im Auftrag der Bundesapothekerkammer die pharmacon Kongresse ausrichtet, gemeinsam mit seinem Team ein attraktives Rahmenprogramm zusammengestellt. „Um allen Geschmäckern entgegen zu kommen, haben wir für die kongressfreien Zeiten unterschiedlichste Angebote entwickelt, die vom klassischen Konzert mit den Preisträgern des Bundeswettbewerbs Jugend musiziert über botanisch-wissenschaftliche Exkursionen bis hin zu geführten E-Bike-Touren reichen.“ Ein besonderes Highlight war die pharmacon Dance Night am Mittwoch, die mit 250 Teilnehmern hoch oben auf Meran 2000 einmal mehr komplett ausgebucht war. Wie gut „Eine Band namens Wanda“ mit den besten Hits aus den aktuellen Charts, 70er-Disco, Rock und Neuer Deutscher Welle bei den Gästen ankam, zeigt schon die Tatsache, dass sich die letzten Teilnehmer erst mit der Gondel um ein Uhr morgens auf den Weg zur Talstation machten. Unterstützt wurde das Rahmenprogramm von den Unternehmen Rausch (Konzert) sowie ADG und AVP (Dance Night). Bis auf den letzten Standplatz ausverkauft  war zudem die begleitende Kongressaustellung. Denn für die Unternehmen ist die Möglichkeit, eine ganze Woche lang mit ihren Kunden auch einmal ohne den Alltagsstress ins Gespräch zu kommen, eine einmalige Gelegenheit.

Dr. Andreas Kiefer und Metin Ergül sind sich einig, dass der pharmacon Meran 2016 rundum erfolgreich verlief. Die Kombination aus hochwertiger Fortbildung und attraktiver Freizeitgestaltung sowie das Zusammenkommen von Apothekern aller Altersstufen trage nicht nur zur Qualifizierung, sondern auch zum für die Zukunft so wichtigen Gemeinschaftsgefühl innerhalb des Berufes bei.

 

 

Neue Arzneistoffe: ein ziemlich guter Jahrgang

Sven_Siebenand36 neue Wirkstoffe, davon zehn Sprung- und 17 Schrittinnovationen: Der Jahrgang 2015 war in puncto neue Arzneimittel «ziemlich gut», konstatierte Sven Siebenand (Foto), stellvertretender Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung (PZ), beim Pharmacon Meran.

Die Top Ten der Sprunginnovationen sind vor allem Onkologika. So wird Olaparib eingesetzt bei Frauen mit Platin-sensitivem Rezidiv eines Ovarialkarzinoms, das Mutationen in den BRCA1- und -2-Genen aufweist. Der neue Wirkstoff hemmt das PARP-Enzym, das für die Reparatur von DNA-Strangbrüchen nötig ist. Auch BRCA erfüllt Reparaturaufgaben. Sind beide Mechanismen außer Kraft gesetzt, können DNA-Strangbrüche nicht mehr repariert werden und es kommt zum Zelltod. In Studien konnte Olaparib das progressionsfreie Überleben der Frauen deutlich verlängern, berichtete Siebenand. Allerdings müssen sie zweimal täglich acht Kapseln schlucken und erleiden häufig gastrointestinale Nebenwirkungen.

Highlight unter den Neulingen ist das Immunonkologikum Nivolumab, das Siebenand in Meran mit dem PZ-Innovationspreis auszeichnete. Der Antikörper, der sich gegen den Checkpoint-Rezeptor PD-1 auf aktivierten T-Zellen richtet, attackiert nicht den Tumor direkt, sondern aktiviert die körpereigene Immunantwort auf den Krebs. Gleiches gilt für Pembrolizumab. Den Patienten könne man erklären, dass «die Antikörper eine angezogene Handbremse im Körper lösen, sodass die eigene Immunantwort gegen den Krebs vorgehen kann», verdeutlichte Siebenand. Ein direkter Vergleich der beiden Antikörper liege bisher nicht vor.

Wieder Antikörper, aber andere Indikation: Alirocumab und Evolocumab gehören zur neuen Klasse der PCSK9-Inhibitoren und werden zur LDL-Cholesterol-Senkung eingesetzt. Bildlich gesprochen, führen die Medikamente dazu, dass «es auf den Zellen mehr Fangnetze für böses Cholesterol» gibt, was letztlich das Risiko für Atherosklerose und Folgekrankheiten reduziert, verdeutlichte der Referent. Beide Wirkstoffe sind zugelassen für Patienten mit primärer Hypercholesterolämie oder gemischter Dyslipidämie; Evolocumab zusätzlich auch bei homozygoter familiärer Hypercholesterolämie. Beide werden subkutan gespritzt und haben ähnliche Nebenwirkungen. Der Apotheker sollte dem Patienten raten, den Pen rechtzeitig aus dem Kühlschrank zu nehmen und das Präparat erst bei Raumtemperatur zu spritzen. «Fragen Sie nach, ob der Patient die Dosierung kennt und ob er sein Statin absetzen oder weiterhin einnehmen soll», empfahl Siebenand den Kollegen. (bmg)

Beitrag erschienen in der Pharmazeutischen Zeitung / Nachrichten, 25.05.2016
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Arzneiformen für Senioren: Der Trick mit dem Klick

Wolfgang_KircherSenioren bekommen oft viele verschiedene Arzneimittel gleichzeitig verschrieben. Mit zunehmendem Alter lassen jedoch die feinmotorischen, visuellen und auditiven Fähigkeiten nach, die für einen sicheren Medikationsprozess unerlässlich sind. Hier kann das pharmazeutische Personal mit einfachen Mitteln wertvolle Hilfestellung leisten, wie Apotheker Dr. Wolfgang Kircher beim Fortbildungskongress Pharmacon in Meran deutlich machte.

Fast jeder dritte 80-Jährige ist feinmotorisch eingeschränkt. Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder rheumatoide Arthritis machen es vielen älteren Menschen unmöglich, Pulverinhalatoren richtig zu bedienen oder Augentropfen zu applizieren. «Bei der Anwendung einiger Arzneimittel müssen sie zudem eine Handstellung einnehmen, in der die Fingerkraft deutlich reduziert ist», erklärte Kircher. Da die Kraft in den Händen im Alter ohnehin abnehme, seien letztlich viele Patienten auf Hilfe bei der Medikation angewiesen.

In puncto Augentropfen hat Kircher einen einfachen Tipp parat: «Der nötige Druck, um einen Tropfen aus der Flasche freizusetzen, hängt stark von der Länge des Gefäßes ab. Je länger die Flasche, desto leichter das Tropfen.» Auch das Anwärmen, etwa in der Hosentasche, erleichtere die Anwendung. Transparente Erstöffnungssicherungen, die für Senioren schwer zu sehen und zu greifen sind, sollten die Apothekenmitarbeiter schon bei der Abgabe entfernen. «Das beeinflusst nicht die Haltbarkeit des Arzneimittels.»

Pulverinhalatoren bereiten älteren Menschen laut Kircher besonders häufig Schwierigkeiten. So könnten sie etwa akustische Signale, die die erfolgreiche Inhalation anzeigen, oft nicht sicher wahrnehmen. Auch für dieses Problem hat der Experte eine Lösung: «Wenn die Betroffenen nicht mehr richtig hören, bleibt dennoch in den meisten Fällen die Leitfähigkeit über den Knochen erhalten. Dann empfehle ich ihnen, bei der Inhalation sanft auf den Inhalator zu beißen. Den Klick oder das Rasseln der Kapsel nehmen sie so über die Schallleitung auf die Gehörschnecke wahr.» (cm)

Beitrag erschienen in der Pharmazeutischen Zeitung / Nachrichten, 26.05.2016
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Neue Arzneimittel: Zulassungskrimi ohne Sieger

Manfred_Schubert_ZsilaveczEteplirsen versus Drisapersen: Zwei Wirkstoffe zur Behandlung von Patienten mit Morbus Duchenne lieferten sich zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Zulassung durch die Arzneimittelbehörden. Jetzt ist klar: Keiner von beiden ist ausreichend wirksam, um den Sprung in den Markt zu schaffen. „Es war ein Zulassungskrimi – leider mit einem ernüchternden Ergebnis“, sagte Professor Manfred Schubert-Zsilavecz von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main beim Fortbildungskongress pharmacon in Meran.

Morbus Duchenne ist eine Muskelerkrankung, bei der durch die Mutation eines Gens das Protein Dystrophin nicht in ausreichender Menge und Qualität gebildet werden kann. In der Folge kommt es zu Muskelschwäche, Gehbehinderung und letztlich zum Tod durch Versagen der Atemmuskulatur. Das Dystrophin-Gen befindet sich auf dem X-Chromosom, daher sind fast ausschließlich Männer betroffen. In Deutschland leiden rund 3500 Jungen an Morbus Duchenne.

Die Erwartungen an die neuen Wirkstoffe waren groß, so Schubert-Zsilavecz. Sie sollten das fehlerhafte Übersetzen der genetischen Information in das entsprechende Protein verhindern, indem sie selektiv das Exon 51 blockieren. Dadurch entstehe zwar ein verkürztes Dystrophin-Protein, der vollständige Funktionsverlust werde aber aufgehoben, hofften die Hersteller. Diese Theorie scheiterte jedoch im Praxistest: „In den Zulassungsstudien zeigte sich kein klinisch relevanter Effekt. Die Forscher fanden nur 0,3 Prozent mehr des funktionstüchtigen Dystrophins.“ Sowohl die amerikanische, als auch die europäische Arzneimittelbehörde lehnten vor wenigen Wochen angesichts der mangelnden Wirksamkeit die Zulassung ab. „Das ist eine schwere Niederlage im Kampf gegen Morbus Duchenne“, fasste Schubert-Zsilavecz zusammen.

Ein Hoffnungsschimmer bleibt den Betroffenen dennoch: Im Mausmodell gelang es Wissenschaftlern, mithilfe des sogenannten Gene-Editings das Genom der Nager zu korrigieren und so die Erkrankung zu heilen. Dazu verwendeten sie das häufig als Gen-Schere bezeichnete Verfahren CRISPR-Cas9. Für die Entwicklung dieser Methode erhielten die beiden Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna im Jahr 2016 den mit 100.000 Euro dotierten Ehrlich-Preis. Das Fachjournal „Science“ kürte ihre Arbeit zum wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres 2015. (cm)

Beitrag erschienen in der Pharmazeutischen Zeitung / Nachrichten, 26.05.2016
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Am Lebensende: Wertschätzung für pflegende Angehörige

Herrmann_Reigber«Fürs Sterben muss man Kraft haben.» Der Theologe Herrmann Reigber, der die Christophorus-Akademie in München leitet, regte die Zuhörer beim pharmacon in Meran zum Nachdenken an. Der Sterbende brauche Kraft, um Ja sagen zu können zu seinem Leben und zur «Ent-bindung» davon; die Angehörigen brauchen Kraft, um den Sterbenden gehen zu lassen. Die Familie (Angehörige) und das weitere soziale Umfeld (Zugehörige) bildeten eine «unit of care», eine Einheit für die Pflege, die Unterstützung braucht, sagte der Palliativexperte.

Apotheken haben häufig mit pflegenden Angehörigen zu tun. Neben der körperlichen Arbeit stünden psychische Belastungen im Vordergrund, zum Beispiel durch völlige Übernahme der Verantwortung, Überforderung und Isolation. Hochgradig anstrengend sind auch Rollenveränderung, kritische Kommentare von außen, der Druck, immer wieder Entscheidungen zu treffen und den mutmaßlichen Willen wiederzugeben, sowie die Herausforderung, den Abschied zu gestalten.

«Es gibt keine pauschalen Ratschläge für den Umgang mit pflegenden Angehörigen», sagte Reigber. Aber es helfe ihnen, wenn ihre Arbeit anerkannt wird – auch im Gespräch in der Apotheke. Die Pflege von Angehörigen habe mehr positive als negative Aspekte, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehöre die verlässliche 24-Stunden-Sicherheit durch Helfer und Palliativdienste, ein stabiles Vertrauen zwischen Angehörigen und Professionellen sowie ein wertschätzender Dialog über die Pflege und Betreuung. Hilfreich sei es, wenn Apotheken Broschüren und Listen von Pflege-, Palliativ- und Hospizdiensten sowie von Trauergruppen bereithalten, sagte Reigber. Er empfahl, die Kommunikation mit Trauernden im Team zu besprechen. (bmg)

Beitrag erschienen in der Pharmazeutischen Zeitung / Nachrichten, 26.05.2016
copyright Foto: PZ/Alois Müller

 

Opioide: Obstipation im Fokus

Michael_Ueberall«Opioide sind die potentesten Analgetika, die wir kennen», sagte der Präsident der Deutschen Schmerzliga, Privatdozent Dr. Michael Überall (Foto), auf dem Fortbildungskongress in Meran. Fast jeder Schmerz ließe sich kurzfristig mithilfe dieser Wirkstoffe beheben. «Das Problem ist also nicht die Schmerzkontrolle, sondern die Frage, welchen Preis der Patient bereit ist, dafür zu zahlen.» Denn die dauerhafte Anwendung von Opioiden bei chronischen Schmerzen ist mit ausgeprägten Nebenwirkungen wie Sedierung und Obstipation behaftet.

Insbesondere die Obstipation mache vielen Behandelten zu schaffen. «Meist treten gleichzeitig auch andere Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, gastroösophagealer Reflux, Bauchschmerzen, Malabsorption und Appetitlosigkeit auf», so Überall. Dieser Symptomkomplex beeinträchtige viele Patienten deutlich in ihrer Lebensqualität. Für die Wirksamkeit von Laxanzien bei Opioid-induzierter Obstipation gebe es bis heute keine Evidenz. «Weder Macrogole, noch Lactulose, Natriumpicosulfat oder andere gängige Abführmittel können dagegen etwas ausrichten. Opioide legen sämtliche Darmreflexe, Motilitäts- und Sekretionsprozesse lahm – das ist nicht so einfach zu beheben.» Lediglich die peripheren Rezeptorantagonisten wie Naloxegol schwächen laut Überall die unerwünschten Effekte der Opioide ab. Das helfe zwar gegen die Verstopfung, sei aber nicht ganz unproblematisch: «Wir beginnen gerade zu verstehen, dass Opioide auch erwünschte periphere Wirkungen haben. Daher besteht die Gefahr, dass durch die Gabe von Naloxegol der Therapieerfolg abnimmt.» (cm)

Beitrag erschienen in der Pharmazeutischen Zeitung / Nachrichten, 25.05.2016
copyright Foto: PZ/Alois Müller

 

Persönlichen Kundenkontakt als Trumpf ausspielen

Apotheken_ADas Gesundheitswesen steht vor einem grundlegenden Wandel: Mit dem E-Health-Gesetz, das Anfang dieses Jahres in Kraft getreten ist, hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Tür weit aufgestoßen für neue digitale Versorgungsformen. Aus der Sicht von ABDA-Vizepräsident Mathias Arnold müssen die Apotheker jetzt die Chance ergreifen, sich im System neu zu positionieren.

„Das E-Health-Gesetz ist erst der Anschub der digitalen Vernetzung im Gesundheitswesen“, sagte er bei der berufspolitischen Veranstaltung im Rahmen des Fortbildungskongresses Pharmacon in Meran. Es werde nicht lange dauern, bis auch das sogenannte E-Rezept Einzug in den Versorgungsalltag hält. „Daraus könnten viele Vorteile folgen – etwa ein Abbau der Bürokratie und ein erleichterter Informationsaustausch zwischen den Heilberuflern.“ Auch Teilbelieferungen eines Rezepts wären so laut Arnold möglich. Er warnte jedoch davor, aus Angst vor dem Versandhandel die mögliche Einführung des E-Rezepts zum Anlass zu nehmen, sich verstärkt auf die Logistik zu konzentrieren. Die dänischen Kollegen hätten sich damit keinen Gefallen getan. „In Dänemark versorgen die Apotheken zwar sehr viele Patienten, durch die zusätzlichen Kosten verdienen sie letztlich aber pro Rezept durchschnittlich gerade einmal 2 Euro.“

In Portugal dagegen nutzten die Apotheker den digitalen Wandel für sich. Sie hätten zum Beispiel erkannt, dass Apps in der Gesundheitsversorgung eine immer größere Rolle spielten. „Dort wählt der Apotheker auf Wunsch für den Patienten eine passende App aus. So stellt er sicher, dass diese den individuellen Bedürfnissen des Anwenders gerecht wird.“ Der Versandhandel sei in Portugal für die Offizinen keine echte Konkurrenz.

Auch die deutschen Pharmazeuten müssten jetzt umdenken, so Arnold. „Unsere intellektuelle Leistung wird in Zukunft nicht darin liegen, Wissen zu speichern, sondern dieses Wissen unterschiedlichen Patienten mit unterschiedlichen kognitiven Fähigkeiten zu vermitteln.“ Der Placebo-Effekt mache deutlich, welchen Stellenwert der persönliche Kontakt zum Heilberufler für den Erfolg einer Therapie einnehme. Arnold rät daher den Kollegen, verstärkt auf eine empathische pharmazeutische Beratung zu setzen. Das Vertrauen des Patienten zum Apotheker entscheide letztlich über die Zukunft des Berufsstands. „Wir müssen beweisen, dass wir für ein funktionierendes Gesundheitssystem notwendig sind.“ (cm)

Beitrag erschienen in der Pharmazeutischen Zeitung / Nachrichten, 25.05.2016
copyright Foto: PZ/Alois Müller
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Berufspolitische Veranstaltung pharmacon Meran 2016

Neuropathischer Schmerz: Eine Herausforderung

Claudia_SommerNervenläsionen, diabetische Neuropathie oder Trigeminusneuralgie: Die Behandlung von Patienten mit neuropathischen Schmerzen stellt Mediziner vor eine Herausforderung. Schon bei der Diagnostik sollte der Arzt ganz genau hinschauen. «Wenn ein Patient mit Schmerzen zu uns kommt, müssen wir zunächst abklären, ob der Schmerz wirklich neuropathischer Natur ist», sagte Professor Dr. Claudia Sommer (Foto), Neurologin an der Universitätsklinik Würzburg, beim Fortbildungskongress pharmacon in Meran. Viele Symptome seien zwar charakteristisch, aber nicht spezifisch für neuropathische Schmerzen – etwa Taubheitsgefühl, Kribbeln, Brennen oder Berührungsschmerz. Somatische, motorische und andere Ausfallerscheinungen sind dagegen laut Sommer deutliche Hinweise auf eine neurologische Ursache der Beschwerden.

Antidepressiva hätten sich in der Therapie bewährt, insbesondere das Trizyklikum Amitriptylin. «Trizyklika verstärken die körpereigene Schmerzhemmung», erklärte Sommer. Von drei bis sechs Behandelten sei zwar nur bei einem ein Vorteil gegenüber Placebo zu erwarten, dieser Wert sei jedoch «sehr gut in der Schmerztherapie». Therapielimitierend seien meist Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Obstipation, Hypertonie und Gewichtszunahme. Vereinzelt käme es auch zu Arrhythmien, Delir oder zu einer Symptomverstärkung beim Stiff-Person-Syndrom, einer seltenen Autoimmunerkrankung, die mit Muskelsteifheit und schmerzhaften Krämpfen einhergeht.

Bei diabetischer Neuropathie kommt der selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin zum Einsatz, der jedoch einen entscheidenden Nachteil hat: Etwa 20 Prozent der Behandelten klagen zu Therapiebeginn über starke Übelkeit. «Dabei handelt es sich jedoch um einen kurzfristigen Effekt, dem man vorbeugen kann, indem man für die ersten zwei Behandlungswochen zusätzlich ein Antiemetikum verordnet», so Sommer.

Die Antiepileptika Gabapentin und Pregabalin sind laut Sommer relativ gut verträgliche Arzneimittel, die bei den meisten Arten von neuropathischem Schmerz eine Therapieoption darstellen. Zwar sei die Studienlage nicht einheitlich, im Mittel hätten sie sich jedoch als wirksam erwiesen. Nur bei HIV-bedingten Neuropathien hätten sie – wie die meisten Standardmedikamente – schlecht abgeschnitten.

Bei Trigeminusneuralgie sind die Natriumkanal-Modulatoren Carbamazepin, Oxcarbamazepin und Lamotrigin Mittel der ersten Wahl. «Wenn diese Arzneistoffe nicht helfen, empfehle ich eine Operation. Alle anderen Medikamente sind in der Regel nicht wirksam», fasste Sommer zusammen. Häufig drücke ein Blutgefäß auf den Nerv und verursache so den Schmerz. «Das kann man chirurgisch beheben.» (cm)

Beitrag erschienen in der Pharmazeutischen Zeitung / Nachrichten, 25.05.2016
copyright Foto: PZ/Alois Müller

pharmacon Dance Night – Feiern auf 2000 Meter Höhe

Dance Night pharmacon Meran 2016

PZ-Innovationspreis 2016: Nivolumab ausgezeichnet

PZ_InnovationspreisEin Immuntherapeutikum gegen Hautkrebs hat den 22. Innovationspreis der Pharmazeutischen Zeitung (PZ) gewonnen: der Antikörper Nivolumab (Opdivo®) von Bristol-Myers Squibb (BMS). Beim pharmacon in Meran überreichte Sven Siebenand (Foto, rechts), stellvertretender Chefredakteur der PZ, die Auszeichnung an Han Steutel (Foto, links), BMS-Geschäftsführer in Deutschland.

Von den 36 neuen Arzneistoffen im Jahr 2015 erfüllten zehn Substanzen die Anforderungen an eine Sprunginnovation, berichtete Siebenand. Am meisten überzeugte der gegen den Checkpoint-Rezeptor PD-1 auf aktivierten T-Zellen gerichtete Antikörper Nivolumab. «Dies ist ein komplett neuer Wirkmechanismus», berichtete Siebenand. Der PD-1-Inhibitor Nivolumab richte sich nicht gegen den Tumor selbst, sondern aktiviere die körpereigene Immunabwehr zur Krebsbekämpfung.

Der Antikörper wurde als erster Vertreter dieser neuen Wirkstoffklasse in Europa zur Monotherapie des fortgeschrittenen Melanoms bei Erwachsenen zugelassen. Zudem ist der immunonkologische Wirkstoff bei weiteren Tumorarten wie Lungen- und Nierenzellkrebs zugelassen. Studien belegen die hohe klinische Relevanz dieser Therapie bei unbehandelten und vorbehandelten Patienten.

BMS-Geschäftsführer Han Steutel nahm den Preis mit großer Freude in Meran entgegen. Er verwies in seinen Dankesworten auf Paul Ehrlich, der das Prinzip der Immunonkologie bereits beschrieben habe. Nivolumab sei ein Durchbruch. «Damit reparieren wir den körpereigenen Mechanismus gegen Krebs.» BMS setze stark auf die Weiterentwicklung seiner Produkte, auch bei Nivolumab. «Wir forschen weiter.»

Der Preisträger wurde von einer achtköpfigen Jury aus Hochschulprofessoren der Pharmazie und Offizinapothekern ausgewählt. Zudem hatten alle Apotheker die Möglichkeit, sich auf der Website der PZ an der Wahl des innovativsten Arzneistoffs 2015 zu beteiligen. Siebenand rief in Meran alle Kollegen auf, sich auch im nächsten Jahr an der Preisträgerkür zu beteiligen. (bmg)

Beitrag erschienen in der Pharmazeutischen Zeitung / Nachrichten, 25.05.2016
copyright Foto: PZ/Alois Müller

 

PZ-Innovationspreis pharmacon Meran 2016